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Exklusiv-Interview

Warum Wassertechnologie-Anbieter auf integrierte Systemlösungen setzen sollten

| Autor / Redakteur: Hans-Jürgen Bittermann / Dr. Jörg Kempf

Dr. Engelbert Schramm ist Mitbegründer des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt am Main und seit April 2014 Mitglied der Institutsleitung. Bis März 2014 leitete er den Forschungsschwerpunkt Wasserinfrastruktur und Risikoanalysen an dem Institut, das zu den führenden unabhängigen Instituten der Nachhaltigkeitsforschung gehört.
Dr. Engelbert Schramm ist Mitbegründer des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt am Main und seit April 2014 Mitglied der Institutsleitung. Bis März 2014 leitete er den Forschungsschwerpunkt Wasserinfrastruktur und Risikoanalysen an dem Institut, das zu den führenden unabhängigen Instituten der Nachhaltigkeitsforschung gehört. (Bild: JuergenMai.de/ISOE)

Deutsche Anbieter von Wassertechnologien haben im Ländervergleich langfristig große Chancen auf dem Weltmarkt, wenn sie auf integrierte Systemlösungen setzen. Zu dieser Einschätzung kommen die Autoren des Buches „Wasser 2050“, die die Position deutscher Unternehmen im Zukunftsmarkt Wasser untersucht haben. PROCESS sprach mit Dr. Engelbert Schramm, Mitglied der Leitung des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung, einem der beiden Herausgeber des Buches.

PROCESS: Herr Dr. Schramm, Sie blicken mit Ihrer Publikation bis zum Jahr 2050 – warum dieser sehr ausgedehnte Zeitrahmen?

Schramm: Der Zeitraum von 35 Jahren erlaubt es, auch langfristig wirksame Veränderungen zu analysieren. Mittlerweile ist ein Szenario-Zeitraum bis 2050 in der Politik nicht mehr ungewöhnlich; zum Teil wird auch von Unternehmen in ihren Zukunftsbildern bis 2050 geschaut. Ein solch weiter Blick erlaubt es, eigene Antworten auf die zukünftigen Herausforderungen zu versuchen, die sonst kaum machbar erscheinen. So ist die Entwicklung der Wasserwirtschaft durch Pfadabhängigkeiten, also sehr langlebige Kapitalstöcke und entsprechende Abschreibungsfristen, geprägt. Langfristziele können – wenn durch die Neuinvestition kein Kapital „vernichtet“ werden soll – nur innerhalb eines Modernisierungszyklus von 35 oder mehr Jahren umgesetzt werden.

PROCESS: Sie gehen davon aus, dass sich der Zukunftsmarkt im Wasserbereich vom aktuellen Markt in mehrfacher Hinsicht unterscheiden werde. Wo sehen Sie Unterschiede?

Schramm: In der Vergangenheit wurden die Probleme häufig zu einfach definiert, meist aus einer zu engen Perspektive heraus. Beispielsweise kam es darauf an, Abwasser so zu behandeln, dass das für den Gewässerschutz hinnehmbar war. Dabei wurde zwar auf die Kosten geachtet, aber weder auf den Energieverbrauch noch darauf, ob bei der Abwasserbehandlung wertvolle Ressourcen vernichtet oder zurückgewonnen wurden. Mit der „zu engen“ Problemdefinition entstanden so neue Probleme, etwa durch zu hohen Energieverbrauch und mangelnden Klimaschutz der Anlagen.

Zukünftig wird es vermehrt darum gehen, mit neuartigen Lösungen auf Probleme zu reagieren, die komplexer Natur sind, z.B. mehrere Ursachen haben. Zugleich müssen verschiedene Dimensionen hinsichtlich der Lösung berücksichtigt werden. Beispielsweise wird die Abwasserbehandlungsanlage der Zukunft sich wandeln und nicht nur zum Gewässerschutz betrieben. Gleichberechtigte Ziele könnten die Produktion von Rohstoffen (z.B. Phosphor) und die Erzeugung von Wärmeenergie und Biogas sein. Auch könnte ein Teil des gereinigten Abwassers hinterher Industriekunden oder der Landwirtschaft als Betriebs- und Bewässerungswasser zur Verfügung gestellt werden.

PROCESS: Sie schreiben, dass das Konzept der „integrierten Systemlösungen“ weit über die herkömmliche Kombination einzelner Komponenten hinausreiche. Wie ist das zu verstehen? Haben Sie dazu Praxis-Beispiele?

Schramm: Die deutsche Wasserindustrie verkauft bereits heute nicht nur einzelne Komponenten und Verfahrenstechnik, sondern auch Systemlösungen, also die adäquate Kombination von Komponenten und Verfahren, z.B. Abwasseraufbereitungsanlagen mit der zugehörigen Dosier-, Mess- und Regeltechnik und Datenverarbeitung. Unsere Analyse hat aber gezeigt, dass der nächste Schritt bisher zu selten gemacht wird. Dabei kann jede Systemlösung auch bezogen auf unterschiedliche Zielanforderungen optimiert werden, z.B. Ressourceneffizienz, Klimaschutz, Demographie-Festigkeit.

Die bereits genannte „Abwasserfabrik“, in der gebrauchsfähiges Wasser, Phosphor und Energie produziert werden, ist ein Beispiel für eine solche Integration. Derartige integrierte Systemlösungen bleiben also nicht beim Wasser stehen. Sie erlauben Synergien mit anderen Anwendungsbereichen (z.B. Energieversorgung, Abfallbeseitigung) und haben vielversprechende Potenziale, zur Lösung globaler Umweltprobleme beizutragen. Nach den Untersuchungen, die wir am Institut für sozial-ökologische Forschung gemeinsam mit dem Fraunhofer-ISI und dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ Leipzig durchgeführt haben, müssen integrierte Systemlösungen künftig nicht auf wenige Einzelfälle beschränkte Nischenprodukte bleiben. Durch gezielte Kooperation können z.B. mehrere Wirtschaftsakteure gemeinsam Märkte schaffen, auf denen sie sich gegenüber konventionellen Angeboten durchsetzen können.

Engelbert Schramm postuliert in ähnlicher Weise wie die Energiewende eine Wasserwende. Was er darunter versteht, lesen Sie auf der nächsten Seite

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