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Schiefergas in den USA

Verursacht der Schiefergas-Boom in den USA eine Ethylenkrise in Europa?

| Autor / Redakteur: Anke Geipel-Kern* / Matthias Back

Die Grafik macht deutlich: Das Produktspektrum eines Naphta-Crackers unterscheidet sich deutlich von dem eines Ethancrackers.
Die Grafik macht deutlich: Das Produktspektrum eines Naphta-Crackers unterscheidet sich deutlich von dem eines Ethancrackers. (Bild: PROCESS)

Schiefergas und kein Ende. Nicht nur die Energiepreise fallen in den USA in den Keller, auch Ethan wird konkurrenzlos billig und damit zum begehrten Crackerrohstoff – Was bedeutet das für die chemischen Wertschöpfungsketten? Katastrophe oder Chance? Kommt darauf an, ob man Pessimist oder Optimist ist.

Die amerikanische Petrochemiebranche kann zurzeit vor Kraft kaum gehen, Schiefergas sei Dank. Letzte Zweifel daran räumt auf der Handelsblatttagung Chemie in Köln der Auftritt der Selfmadeunternehmerin Katherine Richard aus. Jung, attraktiv, strotzend vor Selbstbewußtsein und Tatkraft – die Harvard-Absolventin und Chefin des gerade mal vier Jahre alten Schiefergasunternehmens Warwick Energy ist die leibhaftige Verkörperung der amerikanischen Vorzeigeunternehmerin. Keiner der Manager redet so schnell und fließend wie sie und das Powerpoint-Feuerwerk das Richard abbrennt, ist voll von Superlativen. Die Botschaft ist ebenso eindeutig wie die präsentierten Zahlen und Prognosen. Schiefergas habe der amerikanischen Chemiegrundstoffindustrie zu einer unerwarteten Renaissance verholfen, sagt Richard und verweist auf Investitionsvorhaben von mehr als 100 Milliarden Dollar.

Energiequelle Schiefergas – Fakten, Pros und Contras

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Hauptprofiteure sind momentan die Hersteller von Basischemikalien und die Düngemittelindustrie – mit einer Ausnahme in den USA ansässig: Dow Chemical, Eastman Chemical, Lyondell Basell, Westlake Chemical, CF Industrie, Formosa Plastic – sie alle planen an der amerikanischen Ostküste Cracker- und Ammoniakkapazitäten, die schwindelig machen und so sie kommen, einen Erdrutsch auslösen könnten.

Umrüstung auf Ethancracker

Der Rohstoff ist anders als in Europa Ethan, eigentlich eher ein Abfallprodukt des aus der Tiefe gefrackten nassen Schiefergases und das hat Folgen, die momentan kaum absehbar sind. „ In den USA wurde die gesamte Crackerlandschaft auf Ethan umgerüstet“, erklärt Dr. Roland Merger (BASF) auf einer VCW-Tagung. Nur Total und BASF würden noch Naphta-Cracker betreiben.

Nun ist die Ethanlastigkeit der amerikanischen Chemiewirtschaft kein neues Phänomen. Denn anders als in Europa, wo zweidrittel der Cracker mit Naphta betrieben werden, nutzen amerikanische Spaltanlagen traditionell leichte Rohstoffe, was immer schon Kostenvorteile brachte. Denn Ethanbasierte Anlagen sind aus mehreren Gründen deutlich ökonomischer als Naphta-Cracker: der Rohstoff ist günstiger, die Investitionskosten für den Cracker und der Betrieb selbst auch.

Wegen des fast 80%igen Ethylenanteils und des sehr viel geringeren Anteils an C2-, C3-, C4- sowie Aromaten-Fraktion ist der Aufwand für die Abtrennung bei Weitem nicht so hoch wie beim Naphta-Cracken. Doch seit das billige Erdgas die Rohstoffpreise in den Keller purzeln lässt, sind die Kosten für die amerikanischen Ethylenhersteller noch einmal gesunken. In ihrer jüngsten Studie spricht die Unternehmensberatung Ceresana Research von einem deutlichen Wettbewerbsvorteil für die Ethylen-Herstellung auf Basis von Ethan: Die Cash Costs – bestehend aus fixen, variablen und Rohstoff-Kosten abzüglich der Gewinne für Nebenprodukte – lagen nach den Ceresana-Berechnungen im vierten Quartal 2013 um rund zwei Drittel niedriger als bei der Verwendung von Naphtha als Ausgangsstoff.

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Sehr gutes Niveau, dieser Artikel! Endlich mal etwas fachlich fundiertes über das Thema.  lesen
posted am 24.09.2014 um 16:08 von Teddyjuergen


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