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Exklusiv-Interview mit Dr. Wilhelm Otten

„Wir müssen für mehr gegenseitiges Verständnis sorgen“

23.03.12 | Redakteur: Gerd Kielburger

NAMUR-Vorsitzender Dr. Wilhelm Otten, Leiter Business Line Technik, Evonik Industries: „Wir sind in der Diskussion, ob die Denkmodelle und Strukturen, die man uns mit der Automatisierungspyramide einmal gegeben hat, langfristig noch die richtigen sind.“ (Bild: PROCESS)
NAMUR-Vorsitzender Dr. Wilhelm Otten, Leiter Business Line Technik, Evonik Industries: „Wir sind in der Diskussion, ob die Denkmodelle und Strukturen, die man uns mit der Automatisierungspyramide einmal gegeben hat, langfristig noch die richtigen sind.“ (Bild: PROCESS)

Die Zeiten, in denen man Verfahrensentwicklung oder Regelungen isoliert optimieren konnte, sind längst vorbei. Das gegenseitige Verständnis zwischen Chemie-/Verfahrensingenieuren und den Kollegen in der EMR-Technik ist dennoch mangelhaft. Woran liegt das, und wie kann man es ändern? NAMUR-Vorsitzender Dr. Wilhelm Otten, Leiter Business Line Technik bei Evonik Industries, stellte sich den Fragen von PROCESS – und gibt ein klares Plädoyer für die EMR-Technik.

PROCESS: Herr Dr. Otten, die Automatisierungstechnik gewinnt in der Prozessindustrie zunehmend an Bedeutung. Wie werden Sie diese Entwicklung als neuer Vorsitzender der Namur nutzen?

Otten: Da ich seit 2004 im Vorstand der Namur bin, hätte ich im Vorfeld einiges falsch gemacht, wenn ich jetzt mit komplett neuen Ideen kommen würde. Von daher setzen meine Ziele auf dem Strategieprozess auf, den wir im Vorstand in den Jahren 2004/2005 aufgesetzt haben.

PROCESS: Das ist sieben Jahre her, und die Herausforderungen ändern sich ständig. Wo wollen Sie Akzente setzen?

Otten: Im Wesentlichen sind das drei Bereiche. Das beginnt mit der Internationalisierung: Sowohl unsere Mitgliedsfirmen als auch die Ausrüster sind global tätig. Wir können daher nur einen positiven Einfluss auf technische Entwicklungen nehmen, wenn wir ebenfalls international agieren. Viele große Projekte laufen derzeit in Asien. Deshalb war der Start unserer China-Aktivitäten für uns ein extrem wichtiger Schritt. Auf der anderen Seite sind wir natürlich ein Verein, der von seinen Mitgliedern und deren Input lebt. Die Stärke der Namur ist, dass wir eine relativ große und aktive Gruppe von 40 Arbeitsteams sind. Das Know-how aufrechtzuerhalten ist aufgrund der demographischen Entwicklung in Deutschland die zweite große Herausforderung und nur durch eine verbesserte Aus- und Weiterbildung zu leisten. Gleichzeitig übernimmt die Namur immer mehr Aufgaben, die einzelne Mitgliedsunternehmen früher selbst übernommen haben. Hatten alle Chemiekonzerne früher große MSR-Organisationen, gibt es diese funktionalen Strukturen in den Firmen heute gar nicht mehr. Diese Einheiten sind jetzt eher prozessorientiert oder den Geschäftsbereichen zugeordnet. Damit verliert sich aber eine übergeordnete funktionale Sicht, was für die Weiterentwicklung unserer Prozesse extrem wichtig ist. Die Optimierung der Prozesse, um die letzten zehn Prozent heraus zu holen, steht heute im Vordergrund – bis hin zur Fragestellung, wie wir unsere Prozesse variabel fahren können.

PROCESS: Die Krise 2009 hat doch gezeigt, dass man die Produktion bis zu 25 Prozent und mehr herunterfahren kann.

Ergänzendes zum Thema
Vita von Dr. Wilhelm Otten

Otten: Stimmt. Niemand hätte gedacht, dass wir das schaffen. Die Automatisierungstechnik hat es möglich gemacht. Klar ist inzwischen, unser Geschäft wird deutlich zyklischer, und unsere Anlagen müssen wir dabei nicht nur bei Volllast, sondern in allen Laststufen optimal fahren können. Hinzu kommen das große Trendthema der Nutzung von alternativen Energien sowie der intelligente Umgang mit Energieüberschüssen. In deutschen Chemieunternehmen gibt es durchaus Überlegungen, wie man die Produktion an einen sich verändernden Energiebedarf anpassen kann. Früher war Energie in jeder Menge zu jeder Zeit lieferbar. Mit der Energiewende in Deutschland wird plötzlich Energie, insbesondere Strom, ein Faktor, bei dem ich mich eventuell mit meiner Produktion anpassen muss, um Produktionsprozesse so kostengünstig wie möglich zu fahren. Eine solche variable Fahrweise wird aber nur über eine sehr viel stärkere Nutzung der Automatisierungstechnik funktionieren.

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